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V o r w o r t

von Erik Steffensen

Jørgen Gustava Brandt

Aus dem Nichts kommst du gegangen

Aus dem Nichts kommst du gegangen

wie in einem Traum

aus dem Nichts kommst du

weich gegangen

aus dem Dunkel trittst du

wie ein Schatten aus Licht

nicht aus der Sonne, nicht

aus der Nacht der Lampen

sondern aus dem Nichts, weich gegangen

(aus: Ateliers, Kopenhagen: Gyldendal 1967)


Alba oder Alba S. Enström, wie sein vollständiger Name lautet – ohne dass ich wüsste, was S. bedeutet – wurde 1963 in Stockholm geboren, hat aber die Hälfte seines Lebens in Kopenhagen gelebt. Und – könnte man hinzufügen – fast sein ganzes Künstlerleben. Er begann seine Ausbildung im Jahre 1985 an der Kopenhagener Kunstakademie inmitten einer starken Generation von Künstlern, die sich in der Kunst zu orientieren versuchte, nach der Dominanz der Jungen Wilden in der Achtzigerjahren mit Exponenten aus Deutschland, Italien und USA, was gleichbedeutend mit New York war. In der Musik waren Punkrock und New Wave überstandene Kapitel, kein Fundament, auf dem man aufbauen konnte. Die Generation danach musste entweder opponieren oder sich aus den Schwierigkeiten herausraffinieren, denn die Wiederkehr der Malerei geschah wie die der Musik unter den Bedingungen des Marktes.

Die Institutionen hatten offen gestanden. Die Künstler manifestierten sich, (Maler-)königreiche und -fürstentümer waren verteilt. Keine Möglichkeiten für weitere Expansion mehr. Selbstverständlich, weil der Markt gesättigt war. Aber es kamen immer neue Künstler. Von den Kunsthochschulen und – weniger – von außerhalb der Akademien. Es war business as usual. Hatte man etwas auf dem Herzen, konnte man das Vakuum beliefern, es herausfordern oder das Modell, das im Jahr zuvor erfolgreich gewesen war, wiederholen. Alba war von Anfang an Alba. Er verfügte über sein eigenes Modell. Auf der Akademie erzählte man sich von seinem Zimmer im Studentenwohnheim. Er lebte in einer Collage. Er war Künstler. Aber gab es jemals einen, der beschreiben konnte, wie seine Kunst aussah? Collagenkunst. Sie entwickelte sich. Fand ihre Rahmenbedingungen. Aber keineswegs in Verbindung mit irgendeinem Markt. Höchstens einem Flohmarkt. Jedenfalls keinem Kunstmarkt.

Bevor Alba 1992 die Kunstakademie verließ, hatte er sich im Frühjahr 1990 auf eine Reise nach New York begeben. Neulich erwähnte er in einem Telefongespräch mit mir diese Reise. Der Künstler fand die Generation damals nicht besonders angenehm und liebenswürdig. Vielleicht fasste er sich als Outsider auf. Vielleicht auch war er nicht genau so wie sie auf das schillernde Galerieleben in der Millionenstadt fixiert. Jedenfalls endete er mit einem anderen Künstler derselben Generation, Olafur Eliasson, beim Sightseeing auf dem Empire State Building. Mainstream oder neben dem Mainstream. Die beiden Positionen liegen in der Tat nicht weit von einander entfernt. Aber beide Positionen erfordern, dass man die Randbezirke des Kunstlebens aufsucht. Das urbane Leben, die Architektur, die Körperkultur oder vielleicht die Musik. Oft begegnen sich Crossover und Tradition. Selten aber in den Galerien. Es erfordert einen langen Anlauf und Zeit, das eigene Projekt zu formulieren, wenn man nicht nur sklavisch den Direktiven der Gruppe folgen will. Stattdessen landet der Künstler früher oder später auf den Beinen. Ruhm und Marginalisierung bezeichnen zwei Seiten derselben Sache. Mann denke nur an Andy Warhol. Er bezahlte für seinen Ruhm mit Angst und Einsamkeit. Nicht im biografischen oder psychologischen Sinn. Man kann es ganz einfach in seinen Bildern sehen. Werken. Je näher wir ans Lebensende kommen, desto größer werden die Gemälde und desto weniger stellen sie vor. Meterweise Camouflage-Painting. Wiederholungen von Leonardo da Vincis letztem Abendmahl und Warhols Oxidationen. Nähe ist unmöglich. Man sieht dem Werk die Tragödie an.

Bei verschiedenen Gelegenheiten bin ich in all den Jahren auf Aufstellungen auf Gemälde von Alba gestoßen, habe mit der Post Kataloge empfangen. Es geht recht deutlich daraus hervor, dass Alba ein Künstler ist, der immer seine Malerei ohne Schielen auf Trends oder Tradition formulieren wollte. Er hat nicht nach allen Seiten probiert. Sondern im Gegenteil einen Motivkreis praktiziert, der beim ersten Augenschein etwas bizarr erschien. Vielleicht sogar etwas „gesucht“. In seinen Bondagebildern gibt er keine authentischen Modelle wider. Alba verwechselt das Nightclubbing nicht mit der Arbeit im Atelier. Auch wenn er ein Bohemeleben führt, so hält er sich doch ehrbar daran, nach den Motivkreisen der Pornohefte zu arbeiten. Er folgt nicht den Spuren von Toulouse-Lautrec oder Edgar Degas. Er ist kein Bordell- oder Kabarettkünstler, auch scheint er keine Badewanne zu besitzen, die ihm die Erfüllung Pierre Bonnardscher Licht- und Lustträume ermöglicht. In Albas Bildern ist kein Garten vor dem Fenster, keine natürliche Fluchtmöglichkeit zu sehen. Und doch kann man nicht richtig von Pornografie reden. Hier zählen Gemälde und Zeichnung. Irgendetwas entfacht den Maler, und ein Prozess ist im Gange, bis das Bild nichts mehr zu sagen hat. Alba malt. Nicht in den Spuren der Transavantgarde oder der heftigen Malerei. Nicht in einer erzählenden Form. Nicht in einer historischen Form. Nur so ganz autonom in einem Universum, wo Musik, Farbe und Gefühl einander befruchten dürfen. Die Sexualität ist Gegenstand der Untersuchung. Aber nur in malerischer Hinsicht. Da gibt es keinen freudianischen Über- oder Unterbau. Keinen Keller, keine staubigen unbekannten Bodenkammern. Geradewegs und hart. Bondage. Aber die Distanz findet man also. Scheu. Die Schüchternheit, die offenbar zu der Welt gehört. Wenn man Mann ist. Das Bild strahlt seine eigene Schamhaftigkeit aus. Es ist nicht leicht, Öl- oder Akrylbarbe auf Leinwand zu sein. Auch nicht, wenn man – eingesponnen in Nylon, Stricken, Lack und Leder – auftritt.

Das nächste Kapitel in der Kunst Albas ist eine natürliche Fortsetzung des vorigen Kapitels. Die Bilder nähern sich dem Ikonographischen. Popstars und Kunststars. Das Leben als ein bedeutungsvoller Roman von Augenblicken. Die Malervulgarität der Kunst in den Achtzigerjahren kombiniert mit dem sensitiven Absuchen der privaten Augenblicke des Starkults. Wieder Voyeurismus. Bei Alba jedoch mit einem besonderen Blick auf das Feminine. In der Kulisse erahnt man plötzlich die Anwesenheit Edvard Munchs. Die psychische Seite von allem. Wo sich auch Andy Warhol aufhalten musste. Nicht um auszuleihen. Nicht um zu stehlen. Nicht um zu kopieren. Werke, die gleichzeitig haufenweise symbolistischen Bedeutungen ähneln und oberflächlicher Leere. Das Dasein des Malers in der Welt. Die Einsamkeit Albas. Die Erzählungen der hart geprüften Leinwand. Aus dem Nichts kommt man weich gegangen. Poesie oder Wirklichkeit?

Aus dem Dänischen von Herbert Zeichner                    

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